Berichte von 09/2015

Sonntag, 20.09.2015

Freunde für Sambhali

Schaut mal auf die Homepage von Freunde für Sambhali. Der Verein unterstützt Sambhali Trust wo es geht. Eine tolle Sache!

Samstag, 19.09.2015

"It is not allowded!"

Gut gelaunt fege ich die kleine Terrasse vor dem Haus und genieße die kühle Abendluft, während es langsam dunkel wird. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen Setrawa in ein unglaubliches Licht, es scheint, als leuchte der Sand. Alle Arbeit ist getan und ich pfeife vergnügt die Melodie des Lieds aus der Peacock-Class... Aber halt!!! „That is not allowded!“

Tatsächlich gibt es hier ein paar kuriose Regeln, die wir im Laufe der Zeit entdeckt haben, nach denen dieses und jenes - wie Meera zu sagen pflegt - „allowded“ oder eben „not allowded“ ist. Die Liste wird sich höchstwahrscheinlich noch erweitern, trotzdem kommt hier schon mal eine Zusammenfassung:

  1. Nicht pfeifen! Denn Pfeifen ist etwas schlechtes (interessanter Weise bei Frauen und Männern). Warum, weiß nicht einmal unsere Gastmutter.
  2. Dupatta auf keinen Fall vergessen! - Das Tuch ist unser gleichsam treuer wie nerviger Begleiter, da es gefühlte tausendmal pro Tag von den Schultern rutscht, aber: Was sein muss, muss sein. Meera hat einmal sogar meinen Gastbruder extra nach Hause sprinten lassen, als ich meine Dupatta mal wieder vergessen hatte. Für Linda und mich hat sie bisher aber nur eine wirklich sinnvolle Funktion gehabt: Bei Bedarf dient sie als hervorragender Mund- und vor allem Nasenschutz!
  3. Außerhalb des Zimmers indische Kleidung tragen! - Dass wir während unserer Arbeit Kurta, Salwar und Dupatta tragen sollen, wussten wir ja von Anfang an. Für Linda und mich gilt diese Regel allerdings auch zu Hause. Das war am Anfang ziemlich ungewohnt, aber mittlerweile fühlt sich die Kurta für mich schon ganz normal an (und ich muss nicht auch noch die westlichen Sachen waschen, ein positiver Nebeneffekt). Linda hat sich damit bisher nicht ganz so wohlgefühlt und hat die Regel nach und nach einfach außer Kraft gesetzt. Scheint doch nicht so wichtig zu sein...
  4. Alles Essbare sicher verstauen! Denn wie ich ja schon beschrieben habe, haben wir viele kleine Haustiere, die auch hungrig sind (Unsere Maus hat offenbar in unserem Zimmer Flitterwochen genossen und Junge geworfen...).
  5. Der Opa isst zuerst! - Das mag ja nichts Neues sein, das in traditionellen indischen Familien die Männer zuerst essen. Aber wenn Meera manchmal bis spät Abends noch nicht isst (obwohl man ihr ansieht, dass sie sehr Hunger hat), bloß, weil unser Gastopa noch nicht nach Hause gekommen ist, fühlt sich das nicht mehr wie ein bloßer Fakt an. Dann fällt es mir schwer, nicht über diese Regel zu urteilen. Meera, die in unseren Gesichtern schon wie aus Büchern liest, sagt dann immer: „Please, you don´t mind. This is India, it is different.“
  6. Zeit für diesen Satz ist es auch dann, wenn „period time coming“ ist. Während der ersten Tage der Periode darf nichts angefasst werden, was später mit Essen oder Trinken in Berührung kommt. Wir essen dann nicht wie sonst von einem gemeinsamen Thali, sondern getrennt und dürfen den anderen Teller jeweils nicht berühren. Den Abwasch müssen wir dann auch selbst machen, was nicht so einfach ist, da wir den großen Wassertrog nicht berühren dürfen. Man – bzw. frau – darf während dieser Zeit außerdem nicht in die Küche, nicht an den Kühlschrank und nicht an den Wassertank. Das ist wohl die Regel, die ich am wenigsten akzeptieren kann.
  7. Morgens duschen! (Sonst wird man - wie Linda, die immer abends duscht - von jedem gefragt, warum man nicht duscht.)
  8. Nicht auf dem Bauch liegen! (Mal wieder eine Regel für Frauen...)
  9. Das Toilettenlicht bleibt an! - auch wenn die Toilette deshalb von tausenden Ameisen bevölkert wird (Ich zitiere Linda: "Jede tote Ameise ist eine gute Ameise!").
  10. Donnerstags keine Wäsche waschen! – und nicht mit Seife duschen. Das sollte man montags, mittwochs und freitags tun. Warum? Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ja noch etwas Zeit, um manch ein Rätsel zu lösen...

Oft kann ich die Gründe für diese Regeln kaum nachvollziehen. Manchmal kann ich mein Unverständnis mit Humor nehmen, manchmal, insbesonders was die Regeln für Frauen betrifft, löst es eine gewisse Ablehnung aus. Trotzdem sehe ich mich - vor allem nicht nach nur eineinhalb Monaten Indien - nicht im Recht, über diese Regeln zu urteilen. Nach welchen Maßstäben oder Kriterien sollte ich auch urteilen? Ich glaube nicht, dass mein westliches Denken dem gerecht wird. 

Ich bitte euch aus diesem Grund, nicht sofort ein Urteil aus dieser unvollständigen Liste von Regeln zu bilden. Ich versuche stattdessen: Zuschauen, Aufnehmen und Lernen, und ich denke, das klappt besser ohne ein schon gefälltes Urteil. Denn wie eine weise Frau schon sagte: "India is different."

Samstag, 12.09.2015

Blumentopftragen, Mäuse und ein Luxushotel – Was für eine bunte Mischung!

Gerade kommen wir vom Pool des Luxushotels Ajit Bawan zurück, total entspannt und vollgegessen mit Feeta-Salat, Apple-Crumble und anderen Leckereien. Wir haben dieses Wochenende definitiv gleich ein paar der vielen Kontraste Indiens erlebt!

Letztes Wochenende sah da ganz anders aus. Wir mussten früh raus und haben mit den Kindern und Lehrerinnen ein bisschen hektisch und indisch-spontan das gesamte Center dekoriert: Girlanden wurden aufgehängt, Blumentöpfe bemalt und ein ganzes Zelt auf der Wiese davor aufgestellt. Warum? Wir haben hohen Besuch erwartet: der Minister Rajasthans für Jugend, Sport und Industrie (eine interessante Mischung, finde ich) und ein Abgeordneter der indischen Parlaments sind nach Setrawa gekommen.

Das Center Frauen und Kinder von Sambhali

Allerdings hat es eine ganze Weile gedauert, bis wir unsere Gäste empfangen konnten. Alle Kinder, Frauen, Lehrerinnen und Govind und Bunty aus Jodhpur waren zusammengekommen – und warteten. Warteten, warteten, warteten... – bis um vier Uhr! Und eine Viertelstunde später war alles vorbei.

Abgesehen davon, dass meine Geduld dabei ziemlich auf die Probe gestellt wurde, hat es mich doch beeindruckt, dass alle Kinder und Frauen bis zum Ende gewartet haben. Wir erleben ja täglich mit, wie viel Arbeit Meera im Haushalt hat, und das ist sicherlich keine Ausnahme. Dass sie trotzdem alle geblieben sind, sehe ich als ein großes Kompliment an Sambhali. Denn das war wichtig für Sambhali Trust: So hoher Besuch hinterlässt Eindruck. Bei den Dorfbewohnern, aber auch in Jodhpur.

Leni und ich hatten sogar noch eine besondere Rolle beim Empfang der Gäste. Da wir in unseren Röcken (Leni musste dafür extra nochmal nach Hause rennen und sich umziehen...) anscheinend sehr festlich gekleidet waren, durften wir unseren Besuch auf traditionelle Weise begrüßen. Was bedeutet: Wir standen mit zwei Blumentöpfen auf den Köpfen vor dem Tor. Ein lustiges Erlebnis!

Unter der Woche ist dann wieder der Alltag eingekehrt. Familienleben, Unterrichten, Besuche bei Pooja, einer Lehrerin von Sambhali, und Meeras Schwester, Schachspielen mit Chotu und – urtümlich angenommen – eine Maus, die sich an unseren Vorräten bedient hat. Wir haben dann eine Mausefalle aufgestellt – und schon drei Mäuse gefangen (aber wieder in die Freiheit nach draußen entlassen!).

       Sambhali-Kinder Sambhali-Kinder Die Busfahrt...

Am Freitag (ich kann nicht glauben, dass das erst gestern war!) sind wir dann zur Bushaltestelle Setrawas marschiert und haben auf einen Goverment Bus nach Jodhpur gewartet. Es hat dann ein Privatbus angehalten, der richtige Bus ist vorbeigefahren. Nach kurzem Zögern sind wir dann doch eingestiegen. Mannomann, so eine unbequeme Fahrt!

Aber das haben wir ja heute wieder wettgemacht. Ein Tag am Pool des Ajit Bawan, und ich komme mit einem Sonnenbrand am Bauch, aber total entspannt und zufrieden in die indische Welt zurück.

 

Freitag, 11.09.2015

Setrawa in Geräuschen oder: Andere Länder, andere Sitten (II)

Als ich heute Morgen davon aufgewacht bin, wie eine Kuh vor unserem Fenster lautstark ihr Geschäft verrichtet hat, dachte ich mir: Jetzt ist es höchste Zeit für einen Eintrag über die Geräusche Setrawas!

Normalerweise werde ich ungefähr um 7 Uhr etwas sanfter geweckt, wenn das Surren unseres „Ventis“ vom Vogelgezwitscher übertönt wird – oder wenn mal wieder Stromausfall ist. Ich schnappe mir nach einem verschlafenen „Good morning“ eine Bastmatte, um auf dem Dach meine Gymnastik zu machen. Manchmal kostet das ziemliche Überwindung, aber wenn ich danach fix und fertig auf dem Dach liege, bin ich jedes Mal froh. Man kann dann die ersten Schreie der Pfauen hören, den Singsang meines Gastopas, während er das Haus einräuchert, und die Musik der Pilger, die man hier überall sieht. Man hört, wie das Leben langsam beginnt. Das ist total schön, deshalb bleibe ich auch meistens dort oben, bis Meera mich zum Chai ruft („Hannah? Haaannnaaah! Exercises finished?“).

Während ich meinen Chai schlürfe (schon ganz indisch), kann ich schon mal lauschen, ob die Dusche in nächster Zeit frei wird. Das hört man nämlich an einem dumpfen Schlagen aus dem kleinen Raum. Denn zum Duschen gehört hier auch Wäschewaschen. Das machen wir von Hand, wozu gehört – wie wir gelernt haben –, dass man vor dem Ausspülen ein paar Male mit einem Holzstab kräftig auf die Wäsche schlägt.

Wenn ich dann endlich aus der Dusche komme (Wäschewaschen ist ganz schön anstrengend!) begrüßt mich unser Opi lachend mit „Hännääh! Shower?“ und je nach Tag setzt sich unsere Unterhaltung in Englisch- und Hindi-Brocken über Essen, meinen „Papi“ oder was es sonst noch wichtiges zu bereden gibt fort. Unser Gastopa ist mir wie der Rest der Familie sehr sympathisch geworden – auch wenn er uns am ersten Morgen hier in Setrawa ziemlich geschockt hat, als er lautstark (schöner kann man das leider nicht beschreiben) seinen Schleim über dem Waschbecken ausgerotzt hat. Für uns ziemlich gewöhnungsbedürftig!

„You coming?“ aus der Küche ist dann das Zeichen für Frühstück: leckere Chapatti (für uns mittlerweile sogar ohne Ghee!) und Gemüsecurry. Um bei Gewöhungsbedürftigem zu bleiben: Auch hier rülpst unsere Omi genüsslich, wenn ihr danach ist...

Seit Montag unterrichten wir schon vor dem Frühstück von neun bis zehn an der Privatschule gegenüber. Die Klasse ist sehr viel angenehmer als unsere letzte und wir werden jedes Mal mit einem Lied „Welcome Madame“ begrüßt. Auch hier ist Gruppenarbeit ein Fremdwort, aber es macht viel Spaß, hier zu unterrichten und ich hoffe, dass ich bald mehr über Geräusche aus dieser Klasse berichten kann, wenn wir unsere Schülerinnen und Schüler zum Englisch-Reden gebracht haben!

Unsere nächste Stunde in der Sewing Class wird begleitet vom ständigen Surren der Nähmaschinen und dem Geschnatter der Frauen. Gar nicht so einfach, daneben Unterricht zu machen, denn in den anderen beiden Räumen im Center riecht es leider ziemlich unangenehm von den Schultoiletten nebenan...

Während unserer Mittagspause lerne ich Hindi, lese und übe Geige, was vor allem am Anfang DIE Attraktion für die gesamte Nachbarschaft war. Während ich gespielt habe, haben sich immer mehr Kinder um mein Fenster versammelt und sogar mitgesungen! Seit ein paar Tagen klingen auch ein paar kratzige Töne durchs Haus, weil ich mit Chotu ein bisschen Geigespielen ausprobiere. Er stellt sich gar nicht schlecht an!

Die Peacock-Class beginnt immer mit einem Gebet und Liedern wie „If you´re happy and you know it“ oder „10 little Indians“. Die Kinder singen total inbrünstig und ziemlich laut – zumindest lauter als in einem deutschen Kindergarten oder Hort, glaube ich!

Nach dem Unterricht geht es wieder nach Hause, denn für Frauen gehört es sich hier nicht, nach sieben Uhr noch auf der Straße zu sein. Nicht zu vergessen ist, dass wir auf unserem Weg zahlreichen Kühen (mit gewaltigen Hörnern) und Ziegen begegnen. Und sogar nach einem knappen Monat Setrawa wird unser Weg hier immer noch von vielen „Hello“s, „Bye“s und „Tata“s begleitet, ich glaube auch langsam nicht mehr, dass sich das ändern wird. Und eigentlich ist es ja auch ganz schön.

Auf dem Weg zum Empowermet Center

Zu Hause angekommen beginnt Meera gleich mit Kochen (es ist wirklich unglaublich, woher sie ihre Energie nimmt!) und wenn ich nicht zu müde bin, helfe ich ihr beim Schnippeln von Aloo, Bindi, Ghobi oder einem Gemüse, das ich nicht kenne. Danach schaue ich ihr beim Kochen zu (Ihr wisst ja, dass ich indisches Essen liebe!), was – leider - vom Brutzeln des Öls begleitet wird, das Meera se(eeeee)hr reichlich verwendet. Anschließend werden Chapattis gemacht, und hier nimmt es Meera genau. Ich glaube, ich habe erst zwei Chapattis ausgewellt, die sie direkt in die Pfanne gelegt hat, ohne sie noch einmal zu verbessern. Gute Chapattis müssen nämlich „Fluffy-Puffy“ (rund und luftig) sein, hat Chotu mir erklärt. Deshalb werden die Chapattis ganz am Ende noch auf die offene Flamme gelegt und blähen sich wie ein Ballon auf.

Der Tag endet meistens wie er angefangen hat an dem schönsten Ort des Hauses: Satt und zufrieden liegen Meera, Chotu, Linda und ich auf dem Dach, reden über alles mögliche und hören indische Musik, während wir den Sternenhimmel genießen. Unglaublich!

Freitag, 11.09.2015

Stuttgarter Nachrichten Nr.2

Schaut mal auf Stuttgarter Nachrichten: Kulturschock und Glücksgefühle :)

Samstag, 05.09.2015

Kya hai, beti?

Auf dem Weg zum Tempel

Als wir gestern auf dem Dach lagen, hat Meera diesen Satz gesagt: „Kya hai, beti?“. „Kya hai“ heißt so viel wie „Wie geht es dir?“ oder „Alles klar?“ und „beti“ bedeutet Tochter. Das hat mir ein so schönes Gefühl gegeben, vor allem, weil Meera es mal wieder genau auf den Punkt bringt: Ich fühle mich hier langsam zu Hause.

Das spüre ich vor allem seit dem letzten Wochenende, das wir in Jodhpur verbracht haben. Es war so verrückt, alle anderen wiederzusehen, wieder ins Durag Niwas Guesthouse und in die Stadt zu kommen. Ich konnte mir davor gar nicht vorstellen, wie anders das Leben in Jodhpur ist!

Aber ganz von vorn: Leni und ich sind am Freitagmorgen mit den Lehrerinnen in den Bus nach Jodhpur gestiegen. Die Fahrt allein war eigentlich schon Abendteuer genug, denn der Bus hat sämtliche Dörfer in der Umgebung abgeklappert - auf unbefestigten Straßen voller Schlaglöcher (was unseren Busfahrer aber nicht von Überholmanövern abgehalten hat). Als wir schließlich im Guesthouse angekommen waren, konnte ich nicht glauben, dass es nur gute zwei Wochen her war, dass wir dort abgefahren sind. So viel ist passiert! Dort haben wir nicht nur die Jodhpur-Freiwilligen endlich wieder gesehen, sondern auch Linda und Dalynn, denen es endlich wieder besser geht.

Den westlichen Luxus Jodhpurs haben wir dann in vollen Zügen genossen: wir haben endlich frische Früchte (ganz viele Mangos) gekauft, waren groß shoppen, im Café, im Spa und haben zugeschaut, wie Jessi, Linda und eine englische Freiwillige Tatoos gestochen bekommen haben – ganz zu schweigen von einem langen Abend mit Govinds „aunty“... Manchmal habe ich es nicht glauben können, dass dieses Leben nur 100km von Setrawa entfernt ganz normal ist.

Leni und ich im Spa Tatoo-Time

Dieses Wochenende in Jodhpur war sehr schön und ich freue mich auf viele weitere. Trotzdem war ich auch froh, am Montag wieder zurück zu Meera und ihrer Familie zu kommen. Vor allem, weil ihre Tochter und ihre Nichte zum Teej-Festival angereist waren. Lalita und Nisha wohnen sonst in Jodhpur im Boarding Home von Sambhali. Wir haben ganz viele süße Chapattis gemacht und sind am Festivaltag im Festagsdress mit vielen anderen Frauen zum Tempel gegangen. Ihr werdet nicht glauben, was man am Teej-Festival dort macht: Schaukeln!

Vorbereitungen fürs Festival: Süßigkeiten machen Im Tempel: Schaukeln mit Lalita