Berichte von 02/2016

Samstag, 27.02.2016

Chaos im Kopf

In letzter Zeit habe ich viel über die Unterschiede zwischen Indien und Deutschland nachgedacht. Die Unterschiede, die uns einerseits faszinieren, gleichzeitig aber auch abschrecken und manchmal zu Vorurteilen und Ablehnung führen. Und auf die ich, wie ich bemerkt habe, doch sehr emotional reagieren kann. Ich glaube, das liegt daran, dass ich oft nicht weiß, mit welchen Maßstäben ich diese Unterschiedlichkeit bewerten soll, denn was entscheidet über Richtig oder Falsch, Gut oder Schlecht – das deutsche oder das indische „System“?

Und wenn man auf diese Frage nach einem halben Jahr Indien nicht mehr entschieden antworten kann, ja dann herrscht erst einmal eine ziemliche Verwirrung. Um nur einen kleinen Einblick in meinen Kopf und die Fragen zu geben, die mich im Moment umtreiben:

Ist die arrangierte Ehe schlecht? Bzw. ist die Liebesheirat unter jeden Umständen besser?

Warum ist das Individuum in Deutschland für die meisten so wichtig? Ist das gut?

Wer sieht die Welt „richtiger“ – Inder oder Deutsche?

Warum sehen wir Deutschen uns als Menschen im Allgemeinen eher getrennt von Natur oder höheren Mächten, Inder sich dagegen eher im Einklang damit?

Was ist Würde und was ist ein würdiges Leben?

Wo bleibt bei Kasten, dem Unterschieden von Männern und Frauen, Arm und Reich die Gerechtigkeit?

Ist es besser, „etwas Falsches als nichts“ (das wären dann eher die Deutschen) oder „nichts als etwas Falsches“ (die typisch indische Einstellung) tun?

Welchen Wert sollte Familie haben?

Warum ist mir das „indische System“ nicht selten viel sympathischer, obwohl es gleichzeitig so viel gibt, das mich am liebsten laut aufschreien lassen würde?

Und wo ist meine Entschiedenheit geblieben, auf diese Fragen zu antworten?

 

Ich denke, diese Fragen sind nicht nur in meiner Situation aktuell, sondern überall auf der Welt, wenn  Kulturen und unterschiedliche Werte aufeinanderstoßen. Das ist bei mir im Moment in Indien der Fall, aber so, wie ich das hier im fernen Setrawa mitbekomme, ist in Deutschland der Umgang mit Fremdem ja gerade auch ein großes Thema. Im einen Fall einen tauche ich ins Fremde ein, im anderen kommt das Fremde zu uns.

Das kann beängstigend sein und ich finde, das darf es auch. Solange dadurch nicht Kommunikation und Austausch drauf gehen. So oft erscheint Fremdes auf den ersten Blick unverständlich und damit unnötig oder abstoßend. Kennt man die Beweggründe des anderen, sieht das meist schon wieder ganz anders aus. Wie oft ist mir hier in Indien schon im Nachhinein ein Licht aufgegangen und ich dachte: Ach deshalb war das so!. Und plötzlich war das Fremde gar nicht mehr so unsinnig und blöd.

Und deshalb möchte ich in den nächsten Blogeinträgen mehr über die Hintergründe der kulturellen Unterschiede, die ich hier erlebe, schreiben. Mein Ziel ist nicht unbedingt, auf alle oben gestellten  Fragen Antworten zu finden, sondern dass ich selbst und vielleicht auch ihr zum Nach- und Überdenken angeregt werden.

Und wenn wir mal ein paar der wichtigsten Werte unserer Gesellschaft beim Wort nehmen - Gleichheit, Gerechtigkeit, Fairness, Brüderlichkeit: Heißt das nicht auch, anderen Sichtweisen eine Chance zu geben?

 

P.S. Ich lebe noch! Habe mein Handy bloß geschrottet und warte auf die Reparatur...

 

Freitag, 19.02.2016

Geklaut von Lindas Blog: Ein kleines Interview mit meiner Gastmama

Linda hat ein Interview mit unserer Gastmama Meera geführt, dass ich euch nicht vorenthalten möchte! Das Orginal finder ihr auf ihrem Blog.

Meera

1.How do you feel to be interviewed by me?

(laughs) I am happy. I am excited!

2.Why did you decide to have volunteers in your home?

Govind asked me if I want to have volunteers and I said yes, because I needed the money and my feeling is good when volunteers are staying in my home. Also our shop has not gone well in Setrawa, so my husband had to go to Surat to earn more money.

3.Do you like to tell me something about your childhood? When were you born, where, how have your parents been like?

I was born in Sindh in Pakistan. As I turned eight, my father decided that we should go to India, because he is an indian man and did not want to live in Pakistan anymore. Apart from that my grandmother had died and my two sisters had been married. I have four sisters and two brothers and except for my brothers, I was the only girl who was allowed to go to school.

Previous the life for women in Pakistan was more difficult. I was not allowed to go out of our house. So I had to stay inside. But now the situation for women has changed and the life in Pakistan is similiar to India.

4.Which country do you like more: India or Pakistan?

I like Pakistan, because my family lives there.

5.What do you like most about India?

I like my parent’s house and Setrawa…and Sambhali…and YOU!

6.What do you think about the situation of the women in Setrawa/India?

I think the situation of the women is good, but there are also some women who have to work in mines. Their life is very hard, because the dust is not good for their health, so they die early.

Do you know Rekha, one of the Sambhali girls? She has seven siblings and her father died early. Now her mother has to work in mines. It’s a very difficult life…

7.Do the Sewing class and the Microfinance projects help the women?

All women are very happy to have Sambhali! Before, the life of the women was difficult. The Microfinance project and the Sewing class help us to have our own money, so we are more independent.

8.Can you complete the following sentence please? “If I live in Germany, I would..."

... open an indian restaurant with my husband. I think the german people would like my food. But still I would wear Sari, because I love India. India is my heart. 

 

Donnerstag, 04.02.2016

Ein halbes Jahr Indien

 

Blick auf Setrawa

Jetzt sind wir wirklich ein halbes Jahr hier! Unglaublich, dass schon so viel Zeit vergangen ist... So viel Zeit, in der noch viel mehr passiert und gleichzeitig ein Alltag eingekehrt ist. Es ist einfach, über die vielen ganz besonderen Ereignisse zu schreiben - die Reisen, die Hochzeiten, Diwali oder Weihnachten. Bei unserem Alltag in Setrawa ist das schwieriger. Klar, da gibt es meine Gastfamilie, meine Arbeit, meine Mitfreiwilligen, aber es gibt eben auch so viel mehr, das ich gar nicht in Worte fassen kann. Oder das bis jetzt neben den ganzen großen Ereignissen nicht zur Sprache kam.

Und deshalb möchte ich einmal nicht über die großen, sondern über die kleinen Besonderheiten Setrawas schreiben. Über die kleinen Freuden – und die kleinen Sorgen –, die ich in Setrawa erlebe, und die den Großen eigentlich in nichts nachstehen! (Ich denke, ihr könnt dann selbst entscheiden, ob ich von Sorgen oder Freuden spreche...) 

 

...wenn ich nach ein paar workouts mit einem Buch in der Morgensonne sitze und Chai trinke

....wenn unsere Uroma mir eins ihrer unglaublich süßen, neugierigen Lächeln schenkt, die zu sagen scheinen: Na, was machst du denn?

...wenn der Wassertank alle ist und man gerade unter der Dusche steht

....wenn wir einen Spaziergang zu unserer Sanddüne unternommen haben und in die Landschaft schauen, bis wir merken, dass gerade einfach so eine Stunde vergangen ist

...wenn Kishan, einer meiner Schüler, verrücktspielt (ein Punkt, bei dem ich nicht weiß, ob er zu Sorgen oder Freuden gehört) oder bei einem unserer Workshops als Gandhi verkleidet vor dem Center herumstolziert (definitiv eine Freude!)

  Kishan als Gandhi

...wenn uns nichts Spannendes für unseren Unterricht in der Privatschule einfällt

...wenn wir nach Jodhpur kommen, die anderen Freiwilligen wiedersehen, Neue kennenlernen und die Vorteile des Stadzlebens genießen

...wenn wir wieder zurück nach Setrawa kommen, nach Hause zu unserer Gastfamilie, die Kinder, Frauen und Lehrerinnen

...wenn Meera zu viel arbeitet und es einen bitteren Nachgeschmack hat, unseren Opa fernschauend danebensitzen zu sehen

...wenn es diese unglaublich leckere Mischung aus Frühlingszwiebel- und Dal-Sabji gibt

...wenn wir Freiwilligen eins unserer berühmten Sleepover veranstalten. Mit Popcorn, langen Gesprächen über dies und das, DVDs und allem, was dazu gehört!

...wenn sich der Haferflocken- und Erdnussvorrat langsam, aber sicher dem Ende zuneigt und wir wissen, dass wir noch bis zum nächsten Jodhpur-Aufenthalt durchhalten müssen...

...wenn ich mit Chotu´s Fahrrad fahren darf und wir, er hinter mir auf dem Gepäckträger, der untergehende Sonne entgegenbrausen (Klingt kitschig, genauso ist es aber!)

...wenn ein Chapatti gelingt

...wenn ich das erste Mal auf dem Dach sitze, ohne sofort zu verbrutzeln (diese Zeit ist leider auch schon wieder bald vorbei...)

...wenn es nichts ausmacht, dass ich warten muss, bis die Dusche frei wird, weil ich sowieso Zeit habe

....wenn mich meine Sewing Class Mädels begeistert anlächeln und „HANNAH“ (ganz ohne cheating!) in ihre Hefte schreiben

...wenn sich eine dieser Kühe mit riesigen Hörnern plötzlich in meine Richtung bewegt (=Todesangst) und wir schreiend wegrennen. Und ja, Ziegen und Kühe laufen hier einfach auf den Straßen herum, das ist ganz normal.

...wenn ich endlich, endlich joggen gehe (das war ja wegen meines Meniskusrisses lange nicht möglich) und realisiere, dass ich WIRKLICH in einem indischen Dorf lebe, durch die Wüste laufe und im Moment einfach nur glücklich darüber bin!

        Auf dem Weg zum Empowerment CenterAbstand halten angesagt!