Berichte von 06/2016

Dienstag, 28.06.2016

Aufwachen

Wo sind die letzten 11 Monate geblieben?

Ich kann nicht fassen, dass meine Zeit hier nächste Woche zu Ende gehen soll. Nächste Woche! Ich kann mir nicht vorstellen, ins Flugzeug zu steigen und aus dieser chaotischen, bunten und lebensfrohen Welt herausgerissen zu werden - zurück ins saubere, geordnete, (klingt fast nach: ein bisschen langweilige?), Deutschland.

Denn das ist das letzte Jahr für mich gewesen: eine fremde Welt, in die ich eingetaucht bin, die ich kennen- und liebengelernt habe und nun bin ich soweit, dass ich mir das Leben in der deutschen Welt gar nicht mehr vorstellen kann.

Ich fühle mich, als wache ich gerade aus einem langen, turbulenten und wunderschönen Traum auf, als platze eine Blase, in der ich mich die letzten 11 Monate befunden habe. Es ist nicht so, dass die Blase nicht schon vor längerer Zeit ihre ersten Risse bekommen hätte, als ich mich über das Studium informiert habe oder Urlaube mit Freunden und Familie geplant wurden, doch jetzt wird es ernst.

Und obwohl ich mich total freue, meine Familie, meine Freunde, Stuttgart und den Deutschland-Luxus (Cafés, grüne Parks, Regen, Waschmaschine...) wiederzusehen, ist da auf der anderen Seite so viel, von dem ich mich verabschieden muss und das tut weh. Es tut weh und ich kann nichts dagegen tun, außer mir zu sagen, dass das gut ist; ich habe einfach tolle Menschen kennengelernt und eine intensive Zeit erlebt, die ich nie vergessen werde.

Wo die letzten 11 Monate geblieben sind?

Bei Meera, bei meiner Gastfamilie, meinen indischen und deutschen Freunden, bei unglaublichen Erlebnissen, bei mir.

Mittwoch, 15.06.2016

Gesichter Indiens Teil 2

Und so schnell geht es, dass wir wieder unterwegs waren; nach Delhi, Agra, Jaipur und Pokran – wieder ganz andere Welten, andere Gesichter Indiens...

 

... die Hauptstadt

Die Delhi-GruppeDelhi, die Hauptstadt Indiens, ist mit seinen gut 15 Millionen Einwohnern sozusagen die komprimierte Form der Gegensätze Indiens. Wir haben eine ganz neue, sehr moderne Seite von Indien kennengelernt – riesige Shoppingmalls, Clubs und Boutiquen in dem neuen Viertel Hauz Khas -, aber es dauert nur eine Viertelstunde mit der Metro (es gibt eine Metro!), und wir waren wieder im bekannten Getümmel und Chaos.

History lesson in der Metro Das rote Fort von Delhi Chaos vor der Jamia Majid

 

... das romantische Indien

Das Taj Mahal

Dann ging es nach Agra, um das berühmte Wahrzeichen Indiens und „Monument unvergänglicher Liebe“ (wie es im Reiseführe angepriesen wird) mit eigenen Augen zu sehen: das Taj Mahal. Shah Jahan lies es im 17. Jahrhundert für seine verstorbene Frau Mumtaz Mahal bauen. Das Gelände ist so riesig und jedes Gebäude so aufwendig verziert, dass ich gern glaube, dass der Bau 20000 Arbeiter und 22 Jahre benötigt hat.

Das Taj Mahal und die Anlagen, die es umgeben, sind ein riesiges Gesamtkunstwerk. Alles ist perfekt symmetrisch angeordnet: Die Verzierungen, die Bögen, die Farben, selbst die beiden Moscheen an den Seiten des Hauptgebäudes sind hauptsächlich der Symmetrie wegen erbaut – die eine kann nicht einmal verwendet werden, da sie nicht nach Mekka ausgerichtet ist!

Klingt alles sehr romantisch, oder? Wäre da nicht die Sache, das Shah Jahan neben Mumtaz noch 71 weitere Frauen hatte – und dass sein Sohn die unheimlichen Kosten als Legitimation nutzte, um seinen Vater zu stürzen. So verbrachte Shah Jahan die restlichen acht Jahre seines Lebens gefangen im Fort von Agra – immerhin mit Blick aufs Taj Mahal!

Excited!

 

... das historische Indien

Amber Fort Im FortDer Windpalast

Unsere nächste Station war Jaipur, die Hauptstadt Rajasthans, die mich fast an ein riesiges Museum erinnert hat, so viel gibt es dort an historischen Monumenten zu sehen. Wir waren im berühmten Amber Fort (Mein 10. Fort in Indien, ich habe nachgezählt...) und Windpalast (der allein dafür gebaut wurde, dass die Frauen des Königs die prachtvollen Umzüge in der Stadt anschauen konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Interessant war auch Jantar Mantar, riesige Messinstrumente wie Sonnenuhren und andere Observatorien, die ein König im 18. Jahrhundert bauen lies.

Jaipur von oben

 

... indisches Familienleben

Die Rolle des Touris hinter mir gelassen ging es für mich nach Pokran, wo ich mit Meera, meinen Gastgeschwistern Jeetu, Chotu und Lalita meine Großeltern mütterlicherseits plus Familie besucht habe, d.h. Meeras Papa, Meeras Bruder und seine Frau und beiden Kinder. Es war sehr schön, alle kennenzulernen und so warm empfangen zu werden.

Meera mit ihrem Papa Jett, Chou und Lolita

Ganz nahe an Pokran liegt auch Ram Devra, ein Tempel, zu dem vor allem im Juli bis September ganz viele Menschen pilgern (Rama, eine der zehn Inkarnationen von Vishnu, hat dort ein Bad genommen) . Auf den Straßen laufen dann tausende Menschen (eigentlich tanzen sie eher) mehrere hundert Kilometer bis Ram Devra. Ich hatte noch Glück; Wir sind mit dem Auto hingefahren, haben im Tempel prasad (Kokosnuss und Süßigkeiten) gegeben und in den Glitzerläden indischen Krimskrams geshoppt – doch wieder Touri, aber dieses Mal auf indische Weise!

Basar in Ram Devra