Donnerstag, 04.02.2016

Ein halbes Jahr Indien

 

Blick auf Setrawa

Jetzt sind wir wirklich ein halbes Jahr hier! Unglaublich, dass schon so viel Zeit vergangen ist... So viel Zeit, in der noch viel mehr passiert und gleichzeitig ein Alltag eingekehrt ist. Es ist einfach, über die vielen ganz besonderen Ereignisse zu schreiben - die Reisen, die Hochzeiten, Diwali oder Weihnachten. Bei unserem Alltag in Setrawa ist das schwieriger. Klar, da gibt es meine Gastfamilie, meine Arbeit, meine Mitfreiwilligen, aber es gibt eben auch so viel mehr, das ich gar nicht in Worte fassen kann. Oder das bis jetzt neben den ganzen großen Ereignissen nicht zur Sprache kam.

Und deshalb möchte ich einmal nicht über die großen, sondern über die kleinen Besonderheiten Setrawas schreiben. Über die kleinen Freuden – und die kleinen Sorgen –, die ich in Setrawa erlebe, und die den Großen eigentlich in nichts nachstehen! (Ich denke, ihr könnt dann selbst entscheiden, ob ich von Sorgen oder Freuden spreche...) 

 

...wenn ich nach ein paar workouts mit einem Buch in der Morgensonne sitze und Chai trinke

....wenn unsere Uroma mir eins ihrer unglaublich süßen, neugierigen Lächeln schenkt, die zu sagen scheinen: Na, was machst du denn?

...wenn der Wassertank alle ist und man gerade unter der Dusche steht

....wenn wir einen Spaziergang zu unserer Sanddüne unternommen haben und in die Landschaft schauen, bis wir merken, dass gerade einfach so eine Stunde vergangen ist

...wenn Kishan, einer meiner Schüler, verrücktspielt (ein Punkt, bei dem ich nicht weiß, ob er zu Sorgen oder Freuden gehört) oder bei einem unserer Workshops als Gandhi verkleidet vor dem Center herumstolziert (definitiv eine Freude!)

  Kishan als Gandhi

...wenn uns nichts Spannendes für unseren Unterricht in der Privatschule einfällt

...wenn wir nach Jodhpur kommen, die anderen Freiwilligen wiedersehen, Neue kennenlernen und die Vorteile des Stadzlebens genießen

...wenn wir wieder zurück nach Setrawa kommen, nach Hause zu unserer Gastfamilie, die Kinder, Frauen und Lehrerinnen

...wenn Meera zu viel arbeitet und es einen bitteren Nachgeschmack hat, unseren Opa fernschauend danebensitzen zu sehen

...wenn es diese unglaublich leckere Mischung aus Frühlingszwiebel- und Dal-Sabji gibt

...wenn wir Freiwilligen eins unserer berühmten Sleepover veranstalten. Mit Popcorn, langen Gesprächen über dies und das, DVDs und allem, was dazu gehört!

...wenn sich der Haferflocken- und Erdnussvorrat langsam, aber sicher dem Ende zuneigt und wir wissen, dass wir noch bis zum nächsten Jodhpur-Aufenthalt durchhalten müssen...

...wenn ich mit Chotu´s Fahrrad fahren darf und wir, er hinter mir auf dem Gepäckträger, der untergehende Sonne entgegenbrausen (Klingt kitschig, genauso ist es aber!)

...wenn ein Chapatti gelingt

...wenn ich das erste Mal auf dem Dach sitze, ohne sofort zu verbrutzeln (diese Zeit ist leider auch schon wieder bald vorbei...)

...wenn es nichts ausmacht, dass ich warten muss, bis die Dusche frei wird, weil ich sowieso Zeit habe

....wenn mich meine Sewing Class Mädels begeistert anlächeln und „HANNAH“ (ganz ohne cheating!) in ihre Hefte schreiben

...wenn sich eine dieser Kühe mit riesigen Hörnern plötzlich in meine Richtung bewegt (=Todesangst) und wir schreiend wegrennen. Und ja, Ziegen und Kühe laufen hier einfach auf den Straßen herum, das ist ganz normal.

...wenn ich endlich, endlich joggen gehe (das war ja wegen meines Meniskusrisses lange nicht möglich) und realisiere, dass ich WIRKLICH in einem indischen Dorf lebe, durch die Wüste laufe und im Moment einfach nur glücklich darüber bin!

        Auf dem Weg zum Empowerment CenterAbstand halten angesagt!