Dienstag, 03.11.2015

Ek, do, tin!

Peacock-Class Sewing-Class

Tin! Jetzt sind wir wirklich drei Monate in Indien!

Ich musste kurz überlegen, ob ich „schon drei Monate“ schreiben soll, aber genauso gut könnten es „erst drei Monate“ sein – und das nicht im negativen Sinne. Schon drei Monate, weil die Zeit unglaublich schnell vergeht und ich nicht glauben kann, dass in Deutschland schon der Herbst in Winter übergehen muss (auch wenn es hier – oh Wunder! – auch kühler wird). Gleichzeitig aber auch erst drei Monate, da so viel passiert ist, dass mir meine Zeit in Setrawa oft viel länger als ein Vierteljahr vorkommt.

Nun ja, ob schon oder erst, die letzten Monate waren eine aufregende und ereignisreiche Zeit: Drei Monate...

  • in denen ich viele neue Freunde gefunden habe. Meine Mitfreiwilligen, meine Gastfamilie, die Sambhali-Lehrerinnen und –SchülerInnen, aber auch unseren Ventilator (liebevoll „Venti“ genannt) – leider muss er jetzt in den kalten Monaten ruhen - oder unseren treuen Freund, den wir jeden Tag auf dem Weg zu Sambhali treffen: die Ziege mit dem Überbiss.
  • nach denen es sich seltsam anfühlen würde, nicht mit den Fingern und auf dem Boden sitzend zu essen.
  • in denen aus „Tata“´s oder „Hi“´s, „Lilliiiii“´s und „Hannaaaah“´s wurden. Die hören wir jetzt überall, von kleinen und großen Kinderstimmen, von bekannten und unbekannten Gesichtern: auf dem Weg zu Sambhali und auf dem Markt, in der Private School - oder direkt neben meinem Bett, wenn sich mal wieder eine Horde Kinder einen Spaß daraus macht, ihre Lehrerinnen vom Fenster aus zu beobachten. Manchmal erschrecke ich mich total, wenn direkt neben mir eine Stimme ertönt: „Hello Hannah Madame, your new hair is beautiful!“. Wenn der Tumult zu groß wird, sind wir mittlerweile dazu übergegangen, ebenfalls höflich „Byeee!“ zu rufen und die Fensterläden zu schließen.
  • Falls ihr euch fragt, warum nicht „Lindaaa“ gerufen wird: Es waren auch drei Monate, in denen wir ein paar Hindi-Vokabeln gelernt haben. Tja, und da hat Linda kurzerhand beschlossen, ihren Namen geheim zu halten. „Linda“ heißt auf Hindi nämlich „big poop“ und da „Lindi“, „little poop“, auch nicht viel besser ist, heißt Linda jetzt für die Allgemeinheit Lilli. Gar nicht mal so un-indisch, denn hier haben die meisten Kinder einen Namen für zu Hause und einen für außerhalb. Chotu heißt z.B. in der Schule Mangvendra.
  • mit Stromausfällen und leeren Wassertanks, umso schöner, wenn ich gerade im Bad bin. Da hilft nur: anziehen, zum anderen Tank laufen, um einen Eimer aufzufüllen und weiterduschen. Neuerdings mache ich das sowieso schon vor dem Duschen, da das Wasser aus diesem Tank nicht so eiskalt ist (und es wird ja Winter!).
  • in denen der Unterricht immer mehr Spaß macht.
  • mit holprigen Busfahrten nach Jodhpur und Jaisalmer, eingequetscht zwischen (zu) vielen Menschen. Wir haben es überlebt... Vor allem wegen der schönen Aussicht, was uns am Ende erwarten würde!
  • in denen ich den Roman „Noah“ von Fitzek gelesen habe, über mein Leben hier in Indien nachgedacht und mich gefragt habe: Wozu in aller Welt brauchen wir Jeans, bei deren Produktion die chinesischen Arbeiter Lungenkrebs bekommen, weil sie mit Schleifmaschinen Farbe von den Hosen runterhobeln, damit sie gebraucht aussehen?
  • in denen ich extrem glückliche und nicht so glückliche Momente hatte, aber nach denen ich sagen kann: Das Leben hier fasziniert und beeindruckt mich, ich lerne viel (Wer wusste schon, dass bei Magenproblemen Zucker mit etwas Salz und Chili um den Kopf geschwenkt werden muss?), habe Zeit zum Nachdenken und bin sehr zufrieden.
  • mit 138 Tassen Chai.

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