Samstag, 19.09.2015

"It is not allowded!"

Gut gelaunt fege ich die kleine Terrasse vor dem Haus und genieße die kühle Abendluft, während es langsam dunkel wird. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen Setrawa in ein unglaubliches Licht, es scheint, als leuchte der Sand. Alle Arbeit ist getan und ich pfeife vergnügt die Melodie des Lieds aus der Peacock-Class... Aber halt!!! „That is not allowded!“

Tatsächlich gibt es hier ein paar kuriose Regeln, die wir im Laufe der Zeit entdeckt haben, nach denen dieses und jenes - wie Meera zu sagen pflegt - „allowded“ oder eben „not allowded“ ist. Die Liste wird sich höchstwahrscheinlich noch erweitern, trotzdem kommt hier schon mal eine Zusammenfassung:

  1. Nicht pfeifen! Denn Pfeifen ist etwas schlechtes (interessanter Weise bei Frauen und Männern). Warum, weiß nicht einmal unsere Gastmutter.
  2. Dupatta auf keinen Fall vergessen! - Das Tuch ist unser gleichsam treuer wie nerviger Begleiter, da es gefühlte tausendmal pro Tag von den Schultern rutscht, aber: Was sein muss, muss sein. Meera hat einmal sogar meinen Gastbruder extra nach Hause sprinten lassen, als ich meine Dupatta mal wieder vergessen hatte. Für Linda und mich hat sie bisher aber nur eine wirklich sinnvolle Funktion gehabt: Bei Bedarf dient sie als hervorragender Mund- und vor allem Nasenschutz!
  3. Außerhalb des Zimmers indische Kleidung tragen! - Dass wir während unserer Arbeit Kurta, Salwar und Dupatta tragen sollen, wussten wir ja von Anfang an. Für Linda und mich gilt diese Regel allerdings auch zu Hause. Das war am Anfang ziemlich ungewohnt, aber mittlerweile fühlt sich die Kurta für mich schon ganz normal an (und ich muss nicht auch noch die westlichen Sachen waschen, ein positiver Nebeneffekt). Linda hat sich damit bisher nicht ganz so wohlgefühlt und hat die Regel nach und nach einfach außer Kraft gesetzt. Scheint doch nicht so wichtig zu sein...
  4. Alles Essbare sicher verstauen! Denn wie ich ja schon beschrieben habe, haben wir viele kleine Haustiere, die auch hungrig sind (Unsere Maus hat offenbar in unserem Zimmer Flitterwochen genossen und Junge geworfen...).
  5. Der Opa isst zuerst! - Das mag ja nichts Neues sein, das in traditionellen indischen Familien die Männer zuerst essen. Aber wenn Meera manchmal bis spät Abends noch nicht isst (obwohl man ihr ansieht, dass sie sehr Hunger hat), bloß, weil unser Gastopa noch nicht nach Hause gekommen ist, fühlt sich das nicht mehr wie ein bloßer Fakt an. Dann fällt es mir schwer, nicht über diese Regel zu urteilen. Meera, die in unseren Gesichtern schon wie aus Büchern liest, sagt dann immer: „Please, you don´t mind. This is India, it is different.“
  6. Zeit für diesen Satz ist es auch dann, wenn „period time coming“ ist. Während der ersten Tage der Periode darf nichts angefasst werden, was später mit Essen oder Trinken in Berührung kommt. Wir essen dann nicht wie sonst von einem gemeinsamen Thali, sondern getrennt und dürfen den anderen Teller jeweils nicht berühren. Den Abwasch müssen wir dann auch selbst machen, was nicht so einfach ist, da wir den großen Wassertrog nicht berühren dürfen. Man – bzw. frau – darf während dieser Zeit außerdem nicht in die Küche, nicht an den Kühlschrank und nicht an den Wassertank. Das ist wohl die Regel, die ich am wenigsten akzeptieren kann.
  7. Morgens duschen! (Sonst wird man - wie Linda, die immer abends duscht - von jedem gefragt, warum man nicht duscht.)
  8. Nicht auf dem Bauch liegen! (Mal wieder eine Regel für Frauen...)
  9. Das Toilettenlicht bleibt an! - auch wenn die Toilette deshalb von tausenden Ameisen bevölkert wird (Ich zitiere Linda: "Jede tote Ameise ist eine gute Ameise!").
  10. Donnerstags keine Wäsche waschen! – und nicht mit Seife duschen. Das sollte man montags, mittwochs und freitags tun. Warum? Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ja noch etwas Zeit, um manch ein Rätsel zu lösen...

Oft kann ich die Gründe für diese Regeln kaum nachvollziehen. Manchmal kann ich mein Unverständnis mit Humor nehmen, manchmal, insbesonders was die Regeln für Frauen betrifft, löst es eine gewisse Ablehnung aus. Trotzdem sehe ich mich - vor allem nicht nach nur eineinhalb Monaten Indien - nicht im Recht, über diese Regeln zu urteilen. Nach welchen Maßstäben oder Kriterien sollte ich auch urteilen? Ich glaube nicht, dass mein westliches Denken dem gerecht wird. 

Ich bitte euch aus diesem Grund, nicht sofort ein Urteil aus dieser unvollständigen Liste von Regeln zu bilden. Ich versuche stattdessen: Zuschauen, Aufnehmen und Lernen, und ich denke, das klappt besser ohne ein schon gefälltes Urteil. Denn wie eine weise Frau schon sagte: "India is different."