Donnerstag, 03.03.2016

Mal ein anderer Blick auf "Sauberkeit"

Kurzes Quiz, wer der aufmerksamste Leser meines Blogs ist:

1. Wann sollte man am besten duschen?

  1. vor dem Schlafengehen
  2. jeden Morgen
  3. einmal pro Woche

2. Aus was besteht eine typische Mahlzeit in unserer Gastfamilie?

  1. Chapatti, Gemüsecurry oder Dal
  2. Chapatti, Gemüsecurry und an Festivals Chicken
  3. Chapatti, Gemüse- oder Ei-Curry 

3. Wie schockt uns unser Opa jeden Morgen aufs Neue?

  1. Er lässt seinen Lieblingssong laufen.
  2. Er trommelt an die Tür, weil wir endlich aufstehen sollen.
  3. Wir wachen davon auf, dass er lautstark seinen ganzen Naseninhalt ins Waschbecken rotzt. 

4. Von welchen Geräuschen wird jede Mahlzeit begleitet?

  1. Klappern von Messer und Gabeln
  2. Schmatzen und gelegentlichen Rülpsern 
  3. Mmmmmmhs

 

1B: jeden Morgen

Es ist sehr auffällig, dass unsere Familie und die Haushalte, bei denen ich bis jetzt zu Besuch war, meist ziemlich auf Sauberkeit bedacht sind: Tägliches Duschen ist selbstverständlich (und zwar morgens!); jeden Tag wird mindestens durchgefegt, wenn nicht auch noch gewischt; es darf nur mit bestimmten Eimern das Trinkwasser aus dem Tank geholt werden usw.. Das ist für uns etwas seltsam, wo doch die Sauberkeit im Haus im Widerspruch zum Zustand der Straßen zu stehen scheint. Dort stört es niemanden, einfach seinen Müll auf den Weg zu schmeißen.

     

2A: Chapatti, Gemüsecurry oder Dal:

In unserer Kaste (Khatri) wird nämlich vegetarisch gelebt und das bedeutet in Indien: kein Fleisch und kein Ei. Diese Regel gilt nicht für alle Kasten in Setrawa und ist von Region zu Region unterschiedlich. Gemeinsam haben aber alle, dass nicht nur die Sauberkeit des Körpers außen, sondern auch innen als wichtig angesehen wird. Traditioneller Weise wird diese „innere Sauberkeit“ z.B. durch eine reine Ernährung erreicht. Und deshalb verzichtet meine Familie auf Fleisch und Ei.

     

3C: Wir wachen davon auf, dass er lautstark seinen ganzen Naseninhalt ins Waschbecken rotzt.

Tja, ihr könnt euch vorstellen, dass das für uns ziemlich eklig ist! Aber aus Gründen der „inneren Sauberkeit“ ist es hier selbstverständlich, den Körper nicht nur außen von Schmutz zu reinigen, sondern auch innen. Das bedeutet: Raus damit! Und deshalb ist das ganze Prozedere hier ganz normal und gehört sozusagen zur morgendlichen Wasch-Routine.

 

4B: Schmatzen und gelegentlichen Rülpsern und C: Mmmmmhs

... denn das Essen ist einfach zu lecker! - wäre da nicht das Schmatzen und Rülpsen, das für uns am Anfang echt nicht gerade appetitlich war. Aber man gewöhnt sich an alles – und: dank dem Buch „Die Inder“ (sehr empfehlenswert!) habe ich auch eine ziemlich interessante Erklärung dafür gefunden.

Darin wird die These aufgestellt, dass alle Menschen im Grunde um ihre Schmutzigkeit wissen, gleichzeitig aber eigentlich sauber und rein sein wollen. Deshalb verleugnen wir unsere „Unreinheit“.

Bei uns geschieht das durch eine Tabuisierung der Körperöffnungen, da aus ihnen der Schmutz schlussendlich zum Vorschein kommt. Alles, was damit zu tun hat, ist eklig: Rotzen, Furzen, das Benutzen der Hand zum Reinigen auf der Toilette etc.. Und das Wort für die ekligste Körperöffnung ist im westlichen Sprachgebrauch zum Ausdruck geworden: Arschloch!

In Indien gibt es diesen Ausdruck nicht (natürlich gibt es ganz viele andere, aber ursprünglich sind es eher inzestuöse Ausdrücke, Beispiel „Maderchod“). Denn hier gilt quasi das Gegenteil: Körperöffnungen werden nicht als „Ursprung des Übels“ angesehen und nicht in dem Maße wie in unserer Kultur tabuisiert. Stattdessen ist es eklig, den Schmutz im Körper zu behalten (denn innen sauber zu ein ist ja wichtig!).

Und der einzige Ausweg ist dann: Rotzen, Furzen, Rülpsen!!!