Freitag, 11.09.2015

Setrawa in Geräuschen oder: Andere Länder, andere Sitten (II)

Als ich heute Morgen davon aufgewacht bin, wie eine Kuh vor unserem Fenster lautstark ihr Geschäft verrichtet hat, dachte ich mir: Jetzt ist es höchste Zeit für einen Eintrag über die Geräusche Setrawas!

Normalerweise werde ich ungefähr um 7 Uhr etwas sanfter geweckt, wenn das Surren unseres „Ventis“ vom Vogelgezwitscher übertönt wird – oder wenn mal wieder Stromausfall ist. Ich schnappe mir nach einem verschlafenen „Good morning“ eine Bastmatte, um auf dem Dach meine Gymnastik zu machen. Manchmal kostet das ziemliche Überwindung, aber wenn ich danach fix und fertig auf dem Dach liege, bin ich jedes Mal froh. Man kann dann die ersten Schreie der Pfauen hören, den Singsang meines Gastopas, während er das Haus einräuchert, und die Musik der Pilger, die man hier überall sieht. Man hört, wie das Leben langsam beginnt. Das ist total schön, deshalb bleibe ich auch meistens dort oben, bis Meera mich zum Chai ruft („Hannah? Haaannnaaah! Exercises finished?“).

Während ich meinen Chai schlürfe (schon ganz indisch), kann ich schon mal lauschen, ob die Dusche in nächster Zeit frei wird. Das hört man nämlich an einem dumpfen Schlagen aus dem kleinen Raum. Denn zum Duschen gehört hier auch Wäschewaschen. Das machen wir von Hand, wozu gehört – wie wir gelernt haben –, dass man vor dem Ausspülen ein paar Male mit einem Holzstab kräftig auf die Wäsche schlägt.

Wenn ich dann endlich aus der Dusche komme (Wäschewaschen ist ganz schön anstrengend!) begrüßt mich unser Opi lachend mit „Hännääh! Shower?“ und je nach Tag setzt sich unsere Unterhaltung in Englisch- und Hindi-Brocken über Essen, meinen „Papi“ oder was es sonst noch wichtiges zu bereden gibt fort. Unser Gastopa ist mir wie der Rest der Familie sehr sympathisch geworden – auch wenn er uns am ersten Morgen hier in Setrawa ziemlich geschockt hat, als er lautstark (schöner kann man das leider nicht beschreiben) seinen Schleim über dem Waschbecken ausgerotzt hat. Für uns ziemlich gewöhnungsbedürftig!

„You coming?“ aus der Küche ist dann das Zeichen für Frühstück: leckere Chapatti (für uns mittlerweile sogar ohne Ghee!) und Gemüsecurry. Um bei Gewöhungsbedürftigem zu bleiben: Auch hier rülpst unsere Omi genüsslich, wenn ihr danach ist...

Seit Montag unterrichten wir schon vor dem Frühstück von neun bis zehn an der Privatschule gegenüber. Die Klasse ist sehr viel angenehmer als unsere letzte und wir werden jedes Mal mit einem Lied „Welcome Madame“ begrüßt. Auch hier ist Gruppenarbeit ein Fremdwort, aber es macht viel Spaß, hier zu unterrichten und ich hoffe, dass ich bald mehr über Geräusche aus dieser Klasse berichten kann, wenn wir unsere Schülerinnen und Schüler zum Englisch-Reden gebracht haben!

Unsere nächste Stunde in der Sewing Class wird begleitet vom ständigen Surren der Nähmaschinen und dem Geschnatter der Frauen. Gar nicht so einfach, daneben Unterricht zu machen, denn in den anderen beiden Räumen im Center riecht es leider ziemlich unangenehm von den Schultoiletten nebenan...

Während unserer Mittagspause lerne ich Hindi, lese und übe Geige, was vor allem am Anfang DIE Attraktion für die gesamte Nachbarschaft war. Während ich gespielt habe, haben sich immer mehr Kinder um mein Fenster versammelt und sogar mitgesungen! Seit ein paar Tagen klingen auch ein paar kratzige Töne durchs Haus, weil ich mit Chotu ein bisschen Geigespielen ausprobiere. Er stellt sich gar nicht schlecht an!

Die Peacock-Class beginnt immer mit einem Gebet und Liedern wie „If you´re happy and you know it“ oder „10 little Indians“. Die Kinder singen total inbrünstig und ziemlich laut – zumindest lauter als in einem deutschen Kindergarten oder Hort, glaube ich!

Nach dem Unterricht geht es wieder nach Hause, denn für Frauen gehört es sich hier nicht, nach sieben Uhr noch auf der Straße zu sein. Nicht zu vergessen ist, dass wir auf unserem Weg zahlreichen Kühen (mit gewaltigen Hörnern) und Ziegen begegnen. Und sogar nach einem knappen Monat Setrawa wird unser Weg hier immer noch von vielen „Hello“s, „Bye“s und „Tata“s begleitet, ich glaube auch langsam nicht mehr, dass sich das ändern wird. Und eigentlich ist es ja auch ganz schön.

Auf dem Weg zum Empowermet Center

Zu Hause angekommen beginnt Meera gleich mit Kochen (es ist wirklich unglaublich, woher sie ihre Energie nimmt!) und wenn ich nicht zu müde bin, helfe ich ihr beim Schnippeln von Aloo, Bindi, Ghobi oder einem Gemüse, das ich nicht kenne. Danach schaue ich ihr beim Kochen zu (Ihr wisst ja, dass ich indisches Essen liebe!), was – leider - vom Brutzeln des Öls begleitet wird, das Meera se(eeeee)hr reichlich verwendet. Anschließend werden Chapattis gemacht, und hier nimmt es Meera genau. Ich glaube, ich habe erst zwei Chapattis ausgewellt, die sie direkt in die Pfanne gelegt hat, ohne sie noch einmal zu verbessern. Gute Chapattis müssen nämlich „Fluffy-Puffy“ (rund und luftig) sein, hat Chotu mir erklärt. Deshalb werden die Chapattis ganz am Ende noch auf die offene Flamme gelegt und blähen sich wie ein Ballon auf.

Der Tag endet meistens wie er angefangen hat an dem schönsten Ort des Hauses: Satt und zufrieden liegen Meera, Chotu, Linda und ich auf dem Dach, reden über alles mögliche und hören indische Musik, während wir den Sternenhimmel genießen. Unglaublich!