Dienstag, 18.08.2015

Sonnenuntergangsglück

Ich schaue gerade auf dem Dach meiner Gastfamilie der Sonne beim Untergehen zu und muss meine Glücksgefühle für ein Update nutzen. Denn es ist viel passiert:

Am Samstag war Independence Day, was hier groß gefeiert wird. Wir wurden von der Schule nebenan eingeladen, mit ihnen gemeinsam zu feiern. In der Knallsonne durften wir die Parade (die schon die letzten Tage fleißig geprobt wurde, wie man hören konnte, und die für uns in ihrem militärischen Stil ein bisschen befremdlich ist), Reden, Tänze und Comedy-Einlagen genießen.

Independence-Day-Feier auf dem Schulhof Comedy-Einlage von als Frauen verkleideten Jungs 

Nach einem ruhigen Tag in unserem kleinen Heim (mit unserem Gastbruder Chotu, der sich in unserem Zimmer köstlich über unsere Hindi-Versuche und deutsche Zahlen amüsiert hat) hat unser Bunty-bhai uns kurzfristig zu den anderen Volunta-Freiwilligen ins 8km entfernte Shanti gebracht. Shanti und Govinds Haus, indem sie untergebracht waren, sind ein märchenhafter Ort, mitten in der Wüste, zwischen Bauernhäusern und Feldern. Märchenhaft, einsam, auf eine etwas vergangene und verfallene Art schön – solange das nicht die Heimat für ein Jahr ist. Deshalb kann ich Leni und Dalynn auch sehr gut verstehen, dass sie dort gar nicht glücklich waren. Aber was tun?

Shanti Shanti

Am nächsten Tag haben wir dann mit Bunty-bhai geredet. Bhai bedeutet auf Hindi Bruder, und Bunty, der im Guesthouse in Jodhpur arbeitet und mit einer Touristengruppe in Shanti war, hat immer betont: „You are my sisters!“. Ich habe das mehr für indische Höflichkeit gehalten, aber als Bunty bei unserem Gespräch tatsächlich ein paar Tränen verdrücken musste, ist er für mich wirklich ein Bhai geworden.

Um es bisschen abzukürzen: Einen Tag später sind Leni und Dalynn in eine Gastfamilie in Setrawa eingezogen! Ich freue mich so, dass sie immer noch Landleben genießen können und sie bei uns in der Nähe sind!

Die Sambhali-Kinder

Was außerdem passiert ist? Seit gestern hat das Unterrichten angefangen und wir haben eine kleine Übersicht, was wir im nächsten Jahr machen werden:

Von 12 bis 1 unterrichten Linda und ich gemeinsam die Mädels der Sewing Class von Sambhali in Englisch. Das ist superschön, aber nicht ganz einfach, da die Niveaus der Mädchen ziemlich verschieden sind.

Um halb 4 geht es in die Privaty School, die uns gestern erst einmal ziemlich geschockt hat. Wie sollen wir eine Klasse von 30 Schülern unterschiedlichen Niveaus von Klasse sechs bis zwölf, die kaum Englisch sprechen, unterrichten? Keine Ahnung. Bis jetzt war nur „spelling“ eine Methode, die Klasse ruhig zu bekommen - also lautes, gemeinsames Buchstabieren von Wörtern an der Tafel. Ein Mädchen von Sambhali hat mir außerdem heute erklärt, dass durch unseren Unterricht nur die Zeit überbrückt wird, in der die Kinder auf ihren Schulbus warten. Kein Wunder also, dass es so zugeht! Mal sehen, was wir uns einfallen lassen.

Und um halb 5 bis 6 Unterrichten wir wieder im Center, diesmal Kinder von fünf bis fünfzehn (hier aber sinnvoller Weise in vier Gruppen aufgeteilt). Ich habe heute die beste Gruppe übernommen und einen kleinen Vergleich von Indien und Deutschland gemacht. Das hat uns allen glaube ich viel Spaß gemacht!

Die Sonne ist jetzt untergegangen und es riecht schon bis aufs Dach nach Chapatis, deshalb muss ich zum Ende kommen. Nur noch zwei Dinge möchte ich erzählen:

Linda ging es leider heute morgen immer schlechter und als Meera gehört hat, dass das schon seit einer Woche so geht, hat sie uns direkt ins Hospital von Setrawa geführt. Für 5 Rupies wurde Linda von einem Arzt begutachtet und hat einen Haufen Medikamente bekommen. Und jetzt sitzt sie immerhin schon mit mir auf dem Dach, ich hoffe, es geht ihr bald besser (Meera und Chotu kümmern sich gerade darum, dass  sie auch ja ihre Medikamente nimmt!).

Außerdem möchte ich euch beruhigen: Jetzt, gerade in diesem Moment, bin ich sehr glücklich. Meera und ihre Familie sind sehr herzlich, sodass wir uns immer mehr zu Hause fühlen.  Auf dem Dach